mastern_00
mastern_01
mastern_02
mastern_03
mastern_04
mastern_05
mastern_07
mastern_08
mastern_09
mastern_10

VOLLAUSSTEUERUNG = 0 dBFS?

Seltsamerweise kommen aus vielen Mastering-Studios mit professionellem Auftreten Audiotracks, die auch bei hohem Crest-Faktor (auf Lautheit getrimmmt) auf den digitalen Pegel von exakt 0 dBFS (0 dB full scale = digitale Maximalaussteuerung) ausgesteuert sind.

Dass man auf 0 dBFS Spitzenpegel ausgesteuerte und oft auch mit Limitern bereits "zerdrückte" Mixe zum Mastern bekommt, ist leider der Standard, mit dem wir beim Mastern zu leben gelernt haben. Welche bessere Lösungen es gibt, wird weiter unten erläutert.

Zumindest jeder professionelle Mastering-Engineer sollte wissen, dass man mit einer Vollaussteuerung auf 0 dBFS Verzerrungen (analoges Clipping) provoziert, die insbesondere bei preisgünstigen D/A-Wandlern ohne ausreichenden Headroom deutlich hörbar werden können. (Das wirkt sich gilt dann übrigens auch im Rundfunkeinsatz dieser Tracks nachteilig aus.)

Der Grund dafür: Programmmaterial, das einen D/A-Wandler (oder auch den Codec eines MP3-Konverters) durchläuft, wird im Konverter gefiltert, wobei häufig Spitzen zwischen den Samples hinzugefügt werden (Ursache: die sog. Intersamples), die bisweilen weit über die 0 dBFS auf der digitalen Ebene hinausreichen. Diese Übersteuerungen bewegen sich oft nur in einem Bereich bis zu +0,3 dB, können aber bei Programmaterial mit einem geringen Crest-Faktor und vielen Höhen auch schon mal weit über +1 dB hinausreichen. Bei vielen Pop-Produktionen, die auf Lautheit getrimmt sind, ist das oft über lange Strecken der Fall.

Professionelle Mastering-DAWs wie z. B. Sequoia 12 bieten deshalb u. a. eine Pegelanzeige mit der Option einer True Peak Messung (auch "Rekonstruktions-Anzeige" genannt). Falls die DAW das nicht bietet, gibt es hierfür ein PlugIn (Mac und PC): TB_EBULoudness (als kostenlose Testversion bzw. für 19,95 EUR). Bei der True-Peak-Messung wird nach einem komplexen Algorithmus mit mehrfachem Oversampling simuliert, was mit dem Audiomaterial nach einer D/A-Wandlung, einer Konvertierung in MP3 oder bei der Verarbeitung in einer Rundfunkanstalt passiert. Interessanterweise konnte ich feststellen, dass es im Pop-Bereich fast kein auf 0 dBFS (oder sogar auf -0,2 dBFS) digital ausgesteuertes Material gibt, das dann nicht in den roten Bereich bis über + 1 dB ausschlägt. Die folgende Abbilung zeigt ein solches Szenario anhand der Pegelanzeige mit True Peak Messung in Sequoia 12.

Das Fatale daran: Im Regieraum, ausgestattet mit hochwertigem Monitor-DAC, wird man diese Verzerrungen nicht hören. Wenn das Mastering-Studio nicht über eine Rekonstruktionsanzeige verfügt, kann man die Beschädigungen am Klang auch hörbar machen, indem man ein MP3 mit niedriger Datenrate erzeugt. Dies wird den Verlust an Transienten und Transparenz deutlich machen, der von den Codec-Filtern (ähnlich den Filtern in DACs) bei der "harten" 0-dBFS-Aussteuerung verursacht wird.

Manche Mastering-Engineers meinen auch, beim Einsatz eines hochwertigen Brickwall-Limiters oder Clippers könne man durch Begrenzung des Pegels auf z. B. -0,2 dBFS diese Verzerrungen vermeiden. In gewisser Weise ist das Augenwischerei, denn die digitale Anzeige sagt uns dann zwar, dass wir "im grünen Bereich" bleiben, aber der Sound ist trotzdem nervig.

Da die durchschnittlichen Musikkonsumenten diesbezüglich inzwischen kaum noch kritikfähig sind, wird es durchaus möglich sein, auch für ein solchermaßen gemastertes Album Platin zu bekommen. Allerdings wird man damit einen aktiven Beitrag zur fortschreitenden Verwahrlosung der Hörgewohnheiten leisten.

Sofern das Programmaterial einen klanglich anspruchsvollen, nicht übertriebenen Crest-Faktor hat, kann man durch den Einsatz geeigneter Brickwall-Limiter und eine Begrenzung des Maximalpegels auf -0,2 oder -0,3 dBFS am Ende der Prozesskette unmittelbar vor dem Erstellen des Master-Mediums die Wahrscheinlichkeit der oben beschriebenen Verzerrungen zumindest stark reduzieren. Wenn vorhanden, sollte man dabei noch eine True Peak Messung im Auge behalten.

Fazit fürs Mischen: Ein ungemasterter Mix in 24-Bit-Auflösung, der ohne hartes Abschneiden von hohen Pegeln durch einen Limiter (Clipper) einen Maximalpegel von -1 dBFS (besser noch -3 dBFS) aufweist, ist das geeignete Ausgangsmaterial zum Mastern. (Selbst mit -6 dB löst eine 24-Bit-Aufnahme die Dynamik noch wesentlich besser auf, als das 16-Bit-Endprodukt. Man "verschenkt" also bei einem Spitzenpegel von -3 dBFS keinerlei Dynamik, sofern das Ziel beim Mastern eine Standard-Audio-CD ist.)

Fragen Sie Ihren Partner fürs Mastern nach seinem Konzept für die Aussteuerung des Masters. So erfahren Sie, ob dieser sein Handwerk wirklich versteht. Prüfen Sie die gemasterten Tracks möglichst kritisch unter Einbeziehung entweder einer Rekonstruktionsanzeige* oder durch Konvertierung in MP3-Files mit niedriger Datenrate.

*) Eine Rekonstruktionsanzeige (True Peak Messung) ist auch mit dem Tool "Digicheck" der Fa. RME möglich, sofern eine Hardware von RME am Ausgang der DAW betrieben wird. Dazu muss in den Settings zur Pegelanzeige die Option "Oversampling" aktiviert werden – siehe Abbildung.

© 2013 by W. Fiedler

Drucken