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RADIO-READY?

Naturgemäß streben die (meisten) Radiosender nach möglichst hohen Einschaltquoten und versuchen dazu, ihr Programmmaterial mit möglichst hoher Lautheit in den Äther zu blasen. Abgesehen von technischen Aspekten wie maximale Senderreichweiten spielt dabei vor allem der Blick auf das Konsumverhalten der Hörer eine Rolle. Die bleiben nämlich, statistisch nachweisbar, (beim Zappen, meist im Auto) überwiegend bei den lautesten Sendern hängen.

Von den Sendern wird (nicht nur) dazu ein Sendeprozessor in den Signalfluss geschaltet, der das Programmmaterial automatisch auf verschiedene Weise bearbeitet. Dabei können durch Equalizer (bzw. Pre-Emphasis und HF-Limiting), Stereo-Enhancer und Multiband-Kompression u. a. Veränderungen in der Phasenlage der Signale stattfinden.

Die wohl wichtigsten (auffälligste) Komponente in der Bearbeitung ist die AGC (Automatic Gain-Control) – eine Kombination aus Kompression und Limiting. Diese ist in der Regel so konfiguriert, dass sämtliches Programmaterial in seiner durchschnittlichen Lautheit auf ein annähernd einheitliches (maximal zulässiges) Niveau gehoben wird.

Was kann man gegen die Nebenwirkungen dieser Bearbeitung tun?

Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass man durch Vorwegnahme solcher Bearbeitungen – also z. B. durch spezielles EQ-ing und durch das Erhöhen der Lautheit – die unerfreulichen Nebenwirkungen der Bearbeitungen durch den Sender minimieren oder gar vermeiden könnte. Je nachdem, mit welchen Mitteln das angestrebt wird, ist eher das Gegenteil der Fall: Ein bereits auf maximale Lautheit und Präsenz getrimmtes Programmmaterial wird vom Sender durch genau die gleichen Prozesse gejagt, wie z. B. sehr dynamische und durchschnittlich wesentlich leisere Musik. Im Ergebnis wird Beides mit annähernd gleicher durchschnittlicher Lautheit über den Sender kommen, wobei das vorher schon stark bearbeitete Material dabei erneut Transienten einbüßen und durch weitere Kompression und durch Limiting hart am Clipping zusätzlich verzerrt wird. Das alles wird durch die Anhebung von hohen Mitten und Höhen im Zuge der Pre-Emphasis-Bearbeitung noch deutlicher.

Denken Sie mal an den Sound und die Lautheit der Produktionen, die lange vor der Entwicklung von Plug-ins entstanden sind. Sie erklingen auch heute über den Sender ebenso laut wie die Produktionen, die im Zuge des Lautheits-Rennens in den letzten Jahren entstanden sind, allerdings ohne dass ihr Sound dabei, verglichen mit Letzteren, auch nur annähernd so entstellt wird. Die Sender sind normalerweise mit einem hochwertigem und auf die genannten Zwecke spezialisiertem Equipment ausgestattet, das außerdem traditionell auf dynamisches Programmaterial eingerichtet ist – also damit wesentlich besser umgehen kann, als mit überkomprimierten "Radio-ready-ambitionierten" Produktionen.

Der "Lautheits-Wettbewerb", der erst im Zeitalter digitaler Musikproduktionen extreme Formen angenommen hat, wird durch Unkenntnis dieser Zusammenhänge ungewollt zu einem Wettbewerb in Richtung undynamischer und verzerrter Klang. Radiomusik (besonders Rock/Pop) würde so immer mehr zu einem hässlichen Hintergrundgeräusch degenerieren, sofern diese Entwicklung ungebremst anhalten würde. Viele Produzenten und Toningeneure haben das längst erkannt und steuern (auch im Interesse ihrer Kunden) engagiert dagegen, unterstützt auch durch immer raffiniertere technische Hilfsmittel.

Fazit: Wenn Sie möchten, dass Ihre Musik (im Rahmen des Möglichen) über den Sender so gut klingt, wie Sie sie produziert und gemastert haben, dann versuchen Sie nicht, die radiospezifischen Bearbeitungen des Senders vorwegzunehmen. Der Sender kann das besser. Achten Sie also eher darauf, dass Sie Ihr Master so dynamisch, druckvoll, lebendig und vielleicht auch so mono-kompatibel wie möglich dem Sender liefern können.

Selbstverständlich ist es dennoch sinnvoll, "radiospezifische" Mischungen zu erstellen, sofern dabei künstlerisch-konzeptionelle (oder auch kommerzielle) Erwägungen bei der klanglichen Bearbeitung nicht mehr und nicht weniger wichtig genommen werden, wie bei dem nicht speziell fürs Radio vorgesehenen Material.

© 2012 by W. Fiedler

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